Die Segensverheißung an Abraham in Genesis 12,1-3 gehört zu den zentralsten Texten der Bibel. Sie kulminiert in der Aussage: „In dir sollen gesegnet werden alle Völker der Erde“ (Gen 12,3b). Diese Verheißung erfolgt erneut beim Besuch der „drei Männer“ bei Abraham (Gen 18), bei der sogenannten „Opferung Isaaks“ (Gen 22) sowie bei der jeweils ersten Gottesrede an Isaak (Gen 26) und an Jakob (Jakobstraum Gen 28). Die vorliegende exegetische Arbeit untersucht die einzelnen Verheißungen und entwirft eine Motivgeschichte zu Gen 12,3b: Das Motiv stammt ursprünglich aus der Königsideologie von Psalm 72: Der judäische König herrscht über andere Nationen, so dass sich diese solchen Segen wünschen, wie der König Jerusalems ihn hat. Ursprünglich handelt es sich also um einen Herrschaftssegen. Dieser wird zunächst in Gen 22 auf Abraham übertragen: Weil Abraham Gott unbedingt gehorcht und selbst seinen einzigen Sohn zu opfern bereits ist, wird seine Nachkommenschaft das Tor der Feinde besetzen, so dass sich alle Nationen Segen wünschen, wie Abraham / Israel ihn hat. Eine entscheidende Veränderung erfährt das Motiv dann in den später entstandenen, nachexilischen Texten Gen 12 und 18: Hier ist nicht mehr die Herrschaft über andere Völker das von Gott gesetzte Ziel Abrahams / Israels, sondern das tatsächliche Segen-Sein zugunsten anderer Völker.
In wissenschaftlicher Hinsicht wird die neue These aufgestellt, dass die Parallelstellen zu Gen 12,3b mit brk „segnen“ Hitpael (Gen 22,18a; 26,4b; Jer 4,2; Ps 72,17) allesamt älter sind als die mit brk Nifal formulierten Verheißungen Gen 12,3b; 18,18b; 28,14b. Inhaltlich ist brk Hit als Reflexiv ohne segensvermittelnde Intention zu verstehen, brk Nif hingegen als Passiv im Sinne einer Segensvermittlung seitens Abrahams / Israels zugunsten „aller Nationen“.
Ps 72,1ab-17 wird als literarisch einheitlich sowie als vorexilisch erwiesen, der in V17 formulierte Herrschaftssegen entspricht einer ao verbreiteten Königsideologie. Der Herrschaftssegen wird in Gen 22,15-18 noch vorexilisch auf Abraham / das Volk übertragen. Gen 22 dient mit dem Motiv „Prüfung durch JHWH“ und der Betonung des unbedingten Gehorsams möglicherweise als Legitimation für das in Dtn 13* verlangte Töten bei Apostasie. Eine erste Modifikation des Herrschaftssegens erfolgt im Zusammenhang von Jer 4,2, indem nun alle Völker zum Zion ziehen, um sich von JHWH Segen zu erbitten. Eine zweite und entscheidende Transformation erfolgt in den nachexilischen Texten Gen 12,3b // 18,18b (28,14b), indem nun der theologische Selbstanspruch an Israel erhoben wird, für andere / alle Nationen aktiv Segen zu vermitteln. In Bezug auf die Pentateuchfrage wird Gen 14–22* als vorexilischer Nukleus der Abrahamtradition erachtet, Gen 12–13*; 18; 28,14b hingegen als nachexilische Ergänzungen, die womöglich im Zusammenhang mit der Verbindung von Urgeschichte und Erzelternüberlieferung stehen.
Autor:
André Flury-Schölch, Dr. theol., geb. 1967. Studium der Theologie in Luzern, Jerusalem (Dormition Abbey) u. Münster. 1998-2004 wissenschaftl. Assistent für Exegese des ATs sowie Dozent für Methoden der Exegese u. Biblisches Hebräisch in Luzern. Seit 2002 Dozent am Studiengang Theologie Zürich. Seit 2004 Theologe u. Spitalseelsorger in der Pfarrei Dreifaltigkeit Bern. Verheiratet, Vater zweier Kinder.
| Autor | Flury-Schölch, André |
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